Themenbild Sozialtherapie

Jahresbericht 2016 der Sozialtherapeutischen Gemeinschaft Rüttihubelbad (StG)

Individualität und Gemeinschaft bedingen sich gegenseitig und bedürfen eines achtsamen und bewussten Umgangs.

Dieser Satz aus unserem Leitbild begleitete alle Teams durchs 2016. Sie waren aufgefordert zu dokumentieren, wie sie mit ihm umgingen, wie sie ihn erkennbar in ihr Handeln einbezogen, z.B. beim Erarbeiten von Gemeinschaftregelungen mit den Begleiteten oder beim Finden eines Teamkonsens.

Ich picke ein paar Schwerpunkte des vergangen Jahres heraus, die das Verhältnis von Individualität und Gemeinschaft in seiner Vielschichtigkeit zeigen können.

Biographiearbeit

Um personelle Ressourcen für die Einzelbedürfnisse im Rahmen der Biographiearbeit zu gewinnen, verzichteten wir im 2016 auf die routinemässigen Jahresgespräche mit Angehörigen und Beistand. Dies ermöglichte etlichen Begleiteten, zusammen mit der Bezugsperson frühere Wohn-und Arbeitsorte zu besuchen oder in anderer Art der eigenen Geschichte nach zugehen. Berührende Begegnungen kamen zustande und liessen viele Erinnerungen aufleben oder Kontakte wurden neu geknüpft.

 

Benchmarking

Zusammen mit 23 anderen Institutionen der Deutschschweiz nahmen wir – in Form eines Benchmarking - an der Begleitetenbefragung des Statistischen Amts des Kantons Zürich teil. Die beiden Mitarbeiter unseres Sozialdienstes führten mit 68 begleiteten Mitarbeitenden und 35 BewohnerInnen der StG standardisierte Interviews zur Zufriedenheit in der Arbeit und im Wohnen durch. Das Gesamtergebnis gibt uns ein gutes Zeugnis. Bei 90% der Fragebögen ist alles „zur vollen Zufriedenheit“ angekreuzt. Die genauere Analyse insbesondere der Kritik-und Negativpunkte zeigt uns auf, wo wir uns verbessern können. Im Arbeitsbereich möchten die begleiteten Mitarbeitenden vermehrt in die Arbeitswahl einbezogen werden und öfters wird kritisiert, dass es zu lärmig und sozial zu dicht sei am Arbeitsplatz und zuwenig Rückzugsmöglichkeiten bestünden. Klare, verständliche Informationen und mehr Weiterbildungsmöglichkeiten sind weitere Anliegen, die wir ernst nehmen wollen. Oft ist auch der kleine Lohn ein Thema, der nicht ihren Leistungen entspreche. Kritik und Wünsche aus dem Wohnbereich betreffen z.T. die Einrichtungen aber auch das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre und nach gezielterer Förderung in Richtung selbstständigem Wohnen taucht auf. Auffallend ist, dass fast alle BewohnerInnen gerne mit ihren Mitbewohnerinnen zusammen wohnen, auch wenn das Zusammenleben manchmal schwierig sei und als zu dicht empfunden wird. Die Resultate der Befragung geben uns wertvolle Hinweise, wo die Bedürfnisse Einzelner liegen, aber auch Impulse für die Weiterentwicklung der Gemeinschaft.

 

Präventions- und Meldestelle

Im Februar 2016 nahm unsere neu konzipierte Präventions-und Meldestelle ihre Arbeit auf. Sie unterstützt die Gewaltprävention und ist Anlauf- und Fachstelle für Konfliktbearbeitungen im Zusammenhang mit der Begleitarbeit. Sie steht den begleiteten Menschen, ihren Angehörigen und den Mitarbeitenden zur Verfügung. Neu ist die Stelle von einer internen und einer externen Fachperson besetzt. Sie schulten in den vergangen Monaten alle Teams im Erkennen und Erfassen grenzverletzender Vorkommnisse. Und sie standen v.a. den Begleiteten für Meldungen über Grenzverletzungen oder andere Konfliktsituationen zur Verfügung. Dies war ca. 1x monatlich der Fall. Die Meldungen reichten von SMS-Belästigungen von Bekannten, über Aggressionen bei Tisch bis zu verbalen oder körperlichen Attacken von KollegInnen. Nebst der Bearbeitung der einzelnen Konflikte bieten die beiden Fachfrauen Weiterbildung für Begleitete an zum Thema „sich besser abgrenzen können.“

 

Projekt „Marktplatz“

Wie können wir im Rüttihubelbad noch attraktivere Arbeitsplätze schaffen für Menschen mit Begleitbedarf und eingeschränkten Leistungen, nahe am Puls des Lebens, nahe am 1. Arbeitsmarkt? Eine bereichsübergreifende Projektgruppe wurde von der Geschäftsleitung der Stiftung eingesetzt um dies zu prüfen. Pläne sind umsetzungsreif ausgearbeitet für eine Umgestaltung des Eingangsbereichs des Rüttihubels, indem unsere „Chrämerei“ als neues Angebot sichtbar wird und der Empfang und die Blumenwerkstatt einen neuen Platz erhalten. Ladekafi, Chrämerei und Blumenwerkstatt werden neue, geschützte Arbeitsplätze anbieten. Sozialtherapie und Gastronomie werden vermehrt zusammenarbeiten im öffentlichen Raum.

Dank der Absolventin eines Betriebspraktikum „Seitenwechsel“, das im Juni im Gastro –und Sozialbereich stattfand, erhielten wir eindrückliche Rückmeldungen über die unterschiedliche Führungs- und Arbeitskultur unter demselben Stiftungsleitbild. Ich hoffe, dass uns diese Einsichten helfen, eine fruchtbare Zusammenarbeitskultur zu entwickeln mit den neuen Aufgaben im „Lichthof“. Die Umsetzung startet Mitte 2017.

 

Zu- und Abgänge in der StG

Die Sozialtherapeutische Gemeinschaft hat auf allen Ebenen ein stabiles Jahr hinter sich. Wir hatten keinen Wechsel bei den 37 BewohnerInnen, von denen 23 schon zwischen 10 und 25 Jahren in der StG zu Hause sind. Vierzig externe begleitete Mitarbeitende besetzten per Ende 2016 die 22 Arbeitsplätze, sieben sind im Laufe des Jahrs eingetreten und zwei haben uns verlassen. Im Arbeitsbereich setzt sich die Entwicklung fort, dass sowohl die BewohnerInnen wie die externen Begleiteten Teilzeit arbeiten möchten. Ebenfalls konnten wir auf eine stabile Mitarbeiterschaft zählen mit wenig Wechsel oder längeren Ausfällen.

Ich danke jedem Mitarbeitenden mit und ohne Begleitbedarf für sein Mittragen, sein Dasein und sein Mitgestalten, sodass die Gemeinschaft tragfähig und lebendig bleibt zum Wohl des Einzelnen.

 

Februar 2017/Irène Schrepfer, Institutionsleiterin

 

Stiftung Rüttihubelbad, Rüttihubel 29, CH-3512 Walkringen, Tel. 031 700 81 81, info(at)ruettihubelbad.ch