Jahresbericht 2019 der Sozialtherapeutischen Gemeinschaft Rüttihubelbad (StG)

 

Zwei grosse Themen haben uns bewogen, uns 2019 mit der Strategie der Sozialtherapeutischen Gemeinschaft zu beschäftigen


1. Subjektfinanzierung: Wir wissen seit einigen Jahren, dass ein Wandel von «Objekt»- hin zu «Subjektfinanzierung» stattfinden wird. Der Kanton Bern wird den Hauptanteil seiner Beiträge direkt den KlientInnen zukommen lassen und nicht mehr den Institutionen. Das gibt den KlientInnen die Möglichkeit, gewünschte und benötigte Dienstleistungen spezifischer einzukaufen, den Institutionen gibt es die Chance, sich aufzufrischen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Schwierigkeit dabei ist, dass wir die finanziellen Auswirkungen nicht kennen – was für eine Strategieplanung nicht unerheblich ist.


2. Mit der UNO-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) ist ein längst überfälliger Wandel im Gange: Sie beinhaltet — neben der Bekräftigung allgemeiner Menschenrechte auch für beeinträchtigte Menschen — eine Vielzahl spezieller, auf die Lebenssituation von Menschen mit Unterstützungsbedarf abgestimmte Regelungen. Der UNBRK-Aktionsplan hilft uns bei der Umsetzung: Mitwirkung bei der Arbeit, Selbstbestimmung und Wahlfreiheit bei Arbeit und Wohnform, Bildung, Möglichkeit zur selbstbestimmten Sexualität und Partnerschaft, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben usw. Damit es ein wirklicher Wandel wird, müssen wir uns täglich neu damit auseinandersetzen. Es braucht Strukturanpassungen, wir müssen an unserer Kommunikation arbeiten und die professionelle und menschliche Begegnung und Begleitung hochhalten.


Das Wort Strategie hat etwas mit Berechnung, Kalkül, Methode, Taktik, Vorgehensweise zu tun. Strategieentwicklung ist eine Kernaufgabe des Managements einer jeden Organisation: Wie findet man den besten Weg vom «Ist-Zustand» hin zur Verwirklichung der strategischen Ziele eines Unternehmens? Können wir eine soziale Einrichtung als Unternehmen bezeichnen? Was könnte eine soziale Institution für unternehmerische Ziele haben? Was sind die Einflussgrössen aus der Politik und Gesellschaft? Wie entwickelt sich die Finanzierung?


Es ist tatsächlich so, dass auch eine soziale Institution eine Strategie braucht, um den obengenannten Einflussgrössen begegnen zu können.


So haben wir uns an 5 grosse Themenbereiche in unserer Institution herangewagt. Sicher ist, dass es eine rollende Strategieplanung ist. Wir sehen – gerade in der jetzigen Zeit – wie schnell sich alles wandeln kann. Wir müssen flexibel und offen bleiben und uns den Gegebenheiten von Natur, Gesellschaft und Finanzen anpassen können.

Strategiethemen - ein Zwischenfazit:
1. Wohnen
Durch eine interne, optimierte Synergiennutzung stellen wir uns auf mögliche finanzielle Einschränkungen ein. Und durch überarbeitete, spezifische Konzepte der verschiedenen Wohngruppen sind wir bestmöglich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der BewohnerInnen eingestellt.


2. Arbeit
Wir stellen moderne, zeitgemässe Produkte in den Werkstätten her und finden neue Absatzmärkte. Durch Hospitationen innerhalb der Gemeinschaft wird der fachliche Horizont erweitert. Wir wollen IV-Integrationstrainings mit der Invalidenversicherung (IV) weiterführen, resp. stärken und suchen vermehrt Partner für Nischenarbeitsplätze in der Umgebung für unsere KlientInnen.


3. Ausbildungen/Weiterbildungen/Personal
Wir sind eine attraktive Ausbildungsinstitution. Wir wollen weiterhin ein breites Spektrum an Ausbildungen anbieten und eine professionelle und sorgfältige Begleitung der Auszubildenden sicherstellen. Es ist auch für uns als Institution eine Chance, beweglich zu bleiben und uns fachlich auf dem Laufenden zu halten. Die Ausbildungen Sozialpädagogik, Fachfrau/Fachmann Betreuung und Arbeitsagogik bilden eine gute Mischung aus den verschiedenen Fachrichtungen. Wir ziehen die anthroposophischen Ausbildungen vor, sind aber offen für andere.


4. Betrieb/Klientel/Angebot
Wir arbeiten vermehrt mit dem Alterswohn- und Pflegeheim RHB zusammen. Wir können uns noch viel mehr gegenseitig unterstützen. Wir stellen uns in der StG auf KlientInnen mit erhöhtem Begleitaufwand ein, gleichzeitig möchten wir auch Sprungbrett sein zum selbständig Wohnen für KlientInnen mit weniger Unterstützungsbedarf.


5. Anthroposophie/Kultur/UNBRK
Wir bekennen uns zu unseren anthroposophischen Werten, immer auf die heutige Zeit ausgerichtet und bleiben offen für die Welt. Die Kultur und die Jahresfeste sind integrativer Bestandteil unseres Gemeinschaftslebens. Der Aktionsplan der UNBRK ist Teil der Basis unseres agogischen Handelns.


In diesem Sinne halte ich mich gerne an das Zitat von Albert Einstein:
«Lerne vom Gestern, lebe heute, vertraue auf morgen. Das wichtigste ist, nicht aufzuhören, zu fragen.»


Renate Ritter, Institutionsleiterin
April 2020

Link zum Jahresbericht 2019