Ich stehe beim Haupteingang des Rüttihubelbad, als das Therapiehundeteam Mona Schmutz mit Hund Duke um die Ecke biegt. Der Golden Retriever geht ruhig an der Leine, seine Rute pendelt gelassen. Gemeinsam besuchen wir an diesem Nachmittag im Alterswohn- und Pflegeheim Herrn Zaugg. Er ist ein stiller, in sich gekehrter Mann. Als wir eintreten, sitzt Herr Zaugg beim Zvieri und ich werde Zeuge davon, was Mona später „die leise Öffnung einer sehr verschlossenen Welt“ nennt.
Zuerst registriert Herr Zaugg nur den Hund, nicht uns Menschen. Sein Blick bleibt an Duke hängen. Wortlos findet die Hand den Weg zum Kopf des Tieres, streicht darüber und bleibt dann ruhig liegen. Mit dieser Berührung beginnt sich die Wahrnehmung von Herrn Zaugg zu verändern, ja, zu erweitern: vom Hund hin zu Mona, zu den Betreuenden und schliesslich zur gesamten Umgebung. Dann beginnt Herr Zaugg zu reden. „Wie alt isch er?“, danach folgen ein paar fast beiläufige Bemerkungen über „die da hinten“; gemeint sind seine Betreuungspersonen.
Wenn sich das Gesicht aufhellt
Solch berührende Momente erlebt das Team des Alterswohn- und Pflegeheim (APH) immer wieder, wenn Mona mit Duke unterwegs ist. Menschen, die sonst in Gedanken versunken durch die Gänge gehen oder sich vor einer Weile schon in ihre eigene Welt zurückgezogen haben, reagieren auf den Hund oft in Sekundenschnelle.
Ein kurzer Blick, ein Funkeln in den Augen, ein zögerndes Lächeln. Tiere begegnen Menschen wertfrei; sie unterscheiden nicht zwischen „pflegeleicht“ und „anspruchsvoll“ oder zwischen Diagnose und Lebensgeschichte. Gerade diese vorbehaltlose Annahme macht es vielen Menschen leichter, sich in Anwesenheit eines Tiers wieder zu öffnen: Wer von Menschen enttäuscht wurde und daher kaum noch Vertrauen hat in sie, wagt mit einem Hund oft den ersten Schritt zurück zum Kontakt mit ihnen.
Was tiergestützte Intervention ausmacht
Im Gespräch erklären mir Mona Schmutz und Sonja Ritter, die Leiterin Aktivierung, was hinter der Ausbildung einer tiergestützten Intervention steckt. Mona und Duke absolvierten gemeinsam eine Therapiehunde-Ausbildung mit Abschlussprüfung und werden als Einheit jährlich überprüft sowie zertifiziert. Bei der tiergestützten Intervention ist die Begleitperson immer eine Fachperson aus Pflege, Therapie, Medizin, Psychologie oder Sozialarbeit und ist erfahren im Umgang mit Menschen mit Demenz, psychischen Erkrankungen oder schweren körperlichen Einschränkungen. Jeder Einsatz ist geplant, strukturiert und zielgerichtet – mit klarer Indikation, abgestimmt auf die aktuelle Situation der besuchten Person. Die Krankenkasse übernimmt tiergestützte Therapien leider nicht.
Wichtige Information erhalten
Vor ein paar Wochen hatte das Pflegepersonal beim Besuch von Mona und Duke sowie der daraus entstandenen “Brücke für Gespräche” erfahren, dass Herr Zauggs sturzbedingte Schmerzen stärker geworden waren. Diese Information war für die Pflege sehr wichtig. Sie passte daraufhin Herr Zauggs Schmerzmittel an und konnte ihm so mehr Lebensqualität bieten.
Duke ist Co-Therapeut in einer Beziehung, die stets drei Beteiligte umfasst: Mensch, Hund und Fachperson. Mona trägt Verantwortung für alle drei Seiten. Sie liest die Signale des Bewohners ebenso genau wie jene des Hunds und bricht die Therapie ab, wenn es für einen von beiden zu viel wird.
Ganzheitliche Wirkung erzeugen
Die Ziele der tiergestützten Intervention zeigen sich im Alltag oft unspektakulär. Menschen, die sich für kaum etwas begeistern können, stehen für Duke am Morgen gern auf, warten voll Vorfreude auf seinen Besuch oder formulieren plötzlich wieder ein eigenes Ziel, etwa mit Duke eines Tages spazieren zu gehen. Das weiche Fell unter der Hand und die leisen Schritte im Zimmer setzen neue Reize und holen Bewohner:innen aus ihrem inneren Rückzug wieder ins Hier und Jetzt.
Gleichzeitig wirkt die Begegnung auf der Gefühlsebene: Die Nähe zum Tier, seine Wärme und das Erlebnis, ohne Vorbehalt angenommen zu werden, können Angst und Anspannung lösen. Und wer eine kleine Aufgabe übernimmt, ein Leckerli in einem Ball versteckt, das Hundefell bürstet oder sich vom Hund zur Maltherapie begleiten lässt, erlebt sich nicht mehr nur als „betreut“, sondern als handelnd und wirksam.
Als Beispiel aus einem anderen Setting beschreibt Mona ein Kind mit starker Spastik, dessen Arme sich über Monate hinweg lockerten, weil Duke immer wieder die Hand suchte und Fellkontakt ermöglichte. Dadurch wurde der körperlicher Bewegungsspielraum minim erweitert. Auch wenn sich diese zweite Situation nicht im Rüttihubelbad abgespielt hat, macht sie sichtbar, welches körperliche Potenzial in sorgfältig begleiteten Tierkontakten steckt.
In Heimen und Spitälern verankert
Während sich Duke am Ende des Nachmittags vor mir auf dem Boden zusammenrollt und in seinen wohlverdienten Schlaf fällt, reflektiert Mona die heute gemachten Erfahrungen und betont, wie viel eine tiergestützte Therapie zur ganzheitlichen Förderung und Lebensqualität beitragen kann. Ihr Wunsch ist, dass diese Arbeit im Gesundheitswesen denselben Stellenwert erhält wie andere Therapieformen: eine Therapie mit klar definiertem Auftrag, fachlicher Anerkennung und einer festen Verankerung in Heimen und Spitälern; nicht als Konkurrenz zur Pflege, sondern als Ergänzung. So können Tierbesuche eine Brücke bauen für Worte, die sonst vielleicht unausgesprochen bleiben.


